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Artikel/Berichte02

Was für ein Leben –Wir gratulieren unserer Freundin SonjaBarthel zum 100. Geburtstag[1]

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            Singen mit Sonja            

Am selben17. April 1917, als Wladimir Lenin im fernen Petrograd die sogenannten April-Thesen vortrug (Errichtung einer Republik auf Basis der Sowjets) und in Stockholm sich deutsche Sozialdemokraten mit Mitgliedern des russischen Arbeiterrates trafen, um über die Beendigung des Krieges zu beraten, wurde in der Berliner Teutonenstraße eine kleines Mädchengeboren. Ihre Eltern gaben ihr einen seinerzeit recht ungewöhnlichen Namen, einen russischen. Nicht ohne Grund, denn beide (Vater aus deutsch-nationalem Beamten-Elternhaus, Mutter aus dem jüdischen Besitzbürgertum) lebten für die sozialistische Idee, hofften auf den Sieg der russischen Revolution und auf eine baldige Beendigung des 1. Weltkrieges. „Sonja“ wurde das kleine Wesen benannt, „die Wissende und Weise“, „die Träumerin“, „die für die Wahrheit Kämpfende“.
Vielleicht auch ein Omen für ihren späteren Lebensweg:
Den Leitspruch der Aufklärung „Wissen ist Macht“ machte sie sich zu eigen, schon als Au-Pair-Mädchen in England während der 1930er-Jahre, später im Pädagogik-Studium in der DDR und anschließend in Lüneburg ab 1953. Sie lernte mehrere Fremdsprachen (darunter Esperanto).
Eine „Träumerin“ war sie ihr Leben lang, nämlich träumend von einer besseren Welt ohne Krieg, Ungerechtigkeit und Armut. Und sie versuchte, ihre Träume Realität werden zu lassen wie etwa1936 in London, als sie in einem Rekrutierungsbüro vorstellig wurde in der Absicht, nach Spanien zu gehen, um die dort gegen Franco kämpfenden Antifaschisten/-innen tatkräftig zu unterstützen. Und auch für die Wahrheit kämpfte sie ihr Leben lang, als Mitglied der VVN schon ab 1949 und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ab 1954 (als sie in den Schuldienst eintrat), auch der SPD (die sie 1999 wegen der Teilnahme am Jugoslawien-Krieg wieder verließ) und später in der Lüneburger Geschichtswerkstatt. Neben diesen charakteristischen Eigenschaften besaß Sonja noch was, nämlich jede Menge „Massel“. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie als „Halbjüdin“ den Nazis immer wieder ein Schnippchen schlagen konnte und das dazugehörige (riesige) Quäntchen Glück hatte, um1939/40 unentdeckt im Frankfurter Hochhaus der (ausgerechnet!) IG-Farben zu arbeiten, anschließend bei dieser Firma in Belgien und dann noch in Berlin die Gestapo-Vorladungen zu überstehen.
Sonjas zweites Leben begann mit der Befreiung im Mai 1945, Pädagogik-Studium und Lehrtätigkeit in Berlin, Umzug nach Lüneburg Ende 1952–der Liebe wegen. Hier nochmaliges, wenngleich kurzes Studium (ihre DDR-Qualifikation wurde nicht anerkannt) an der provisorischen PH, nebenbei dort Gründung des „Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“ SDS, Arbeit an einer zweiklassigen Volksschule in Lüneburg-Ochtmissen, bis sie 1959 endlich ihre 2. Lehramtsprüfung abgelegen durfte und anschließend in Lüneburg-Goseburg, dann an der Lüner Schule unterrichtete. Fünf Jahre später wurde sie – für 10 Jahre – „Ratsherrin“, Mitglied des Rates der Stadt Lüneburg. Ihr besonderes Interesse und ihr Engagement für die Spracherwerbsprobleme ihrer Schulkinder führte sie zur Sonderschule L (für lernbehinderte Kinder). Nun wurde sie im Alter von 55 Jahren erneut Studentin (Ausbildung zur Lehrerin im Bereich Sonderpädagogik-Sprachheilpädagogik), unterrichtete anschließend viele Jahre eine Sprachheilklasse und wurde nach Einführung der Sonderschule G (für geistig behinderte Kinder) deren Konrektorin(mit 61 Jahren!), wohin sie wegen ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit der Einrichtung der Lüneburger „Lebenshilfe“ berufen wurde.
Ein weiteres Mal startete Sonja nach ihrer Pensionierung durch: Die lokale Gewerkschafts-und (NS-)Geschichtsarbeit stand im Vordergrund und selbst als über 90-Jährige war sie auf Anti-Nazi-Kundgebungen(auch als Sprecherin) ebenso zu finden wie als Vortragende in Bildungseinrichtungen, zuletzt im März d. J. vor etwa 500 Schülern/-innen der Herderschule sowie im Juni (nach Vollendung ihres 100. Lebensjahres!) vor der Literarischen Gesellschaft.
Und es wurde die Welt bereist, kaum ein Kontinent ausgelassen, Verwandtenbesuche, Kontakte zu ihren Esperanto-Freunden/-innen gepflegt. Lange bevor der Terminus „Couchsurfing“ bekanntwurde, schlief sie bereits auf den Sofas ihrer Esperanto-Gastgeber rund um den Globus.
Sprache? Kein Problem. Freunde/-innen aus aller Herren/Damen Länder waren bei ihr zu Hause zu Gast in ihrer Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft in Lüneburg.
Kein Wunder also, dass bei ihrer Feier zum100. Geburtstag über 160 Gäste aus vielen Staaten Europas und darüber hinaus zugegen waren. Was für ein Leben!
Einen besonderen Geburtstagswunsch erfüllten ihr ihre Freunde/-innen der Lüneburger VVN-BdA: Einmal wieder gemeinsam „die alten Lieder „singen (die immer noch aktuell sind), von „Avanti Popolo“bis zu „Dem Morgenrot entgegen“. Eine gemeinsame Fahrt in das benachbarte Bleckede führte deshalb zu einem Besuch des dortigen jüdischen Friedhofs, zu den Stolpersteinen am Ort und zur gemütlichen Kaffeerunde mit reichlich Gesangseinlagen. Und auch hier: Sonjas Stimme war nicht zu überhören.
Wir wünschen ihr und uns, dass dies auch noch eine ganze Weile so bleibt.
Ihre Lebenserinnerungen schrieb Sonja als knapp 90-Jährige auf und veröffentlichte sie unter dem Titel „Wie war das damals, erzähl doch mal …“Diese Autobiografie kann bestellt werden unter
info@geschichtswerkstatt-lueneburg.de

Aktuelles

Auf Einladung des VVN-Lüneburg besuchte eine Gruppe von Überlebenden des Ozarichi-Massakers in Lüneburg. An diesem Kriegsverbrechen der Wehrmacht war die Lüneburger 110te Infantriedivision maßgeblich beteiligt. Immer noch steht das Schandmal zum Gedenken an die Täter in der Stadt.


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Endlich wurde der Begleittext korrigiert
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